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Tennant Creek

Was fuer ein Kaff... das war alles was mir durch den Kopf ging als ich hier angekommen bin. Aber ich fang mal von ganz vorne an…


Wie berichtet hab ich ja seit Wochen verzweifelt versucht einen Praktikumsplatz in einem Krankenhaus zu bekommen. Nachdem meine bisherige “Heimatstadt” Melbourne sich trotz unzaehliger Connections und Versuche ueber meine sehr bemuehte Gastfamilie als Nullnummer herausgestellt hat, war mir auch der Ort egal. Krankenhaeuser im gesamten Staat Queensland hatten jeweils andere Gruende aber alle keinen Platz. Dann habe ich es im Northern Territory versucht. Mittwoch nach Tagen voller Telefonorgien endlich die Zusage aus Tennant Creek.


Nicht das ich irgendeine Ahnung hatte was mich hier erwartet. Ein kurzer Blick auf Google Maps hat mir als (Achtung Ironie!) Organisationstalent als Vorbereitung gereicht. Ein Anruf beim hiesigen Backpackers und mir wurde bei laengerem Aufenthalt ein Rabatt versprochen. Kurz noch einen Flug gebucht und Donnerstag 6.50am mit Tiger Airlines nach Alice Springs (Freunde der Beinfreiheit lasst die Finger von dieser Fluggesellschaft). Leider war es sehr bewoelkt und so hab ich erst bei der Landung die unglaublich Landschaft und die typische rote Erde des “red center” gesehn.   

Wie angekuendigt wollte ich es ja mit trampen probieren, da ich zu geizig war fuer eine Busfahrt 180$ zu lassen. Komplett ohne Erfahrung im “hitchhiking” hab ich mich ganz dreist vor den Flughafen gestellt und Leute gefragt, ob ich einen “lift” in die Stadt bekommen kann. Alan, der in Alice wohnt und von einem Auftritt mit seiner Band aus Melbourne zurueckgekommen ist, hat kaum 5 min auf sich warten lassen und schon war ich an der Truckstation am noerdlichen Rand der Stadt. Vor mir lagen 507 km Asphalt und ich habe mich erstmal auf offener Strasse entkleidet – ich war am schwitzen wie ein Elch. In Melbourne war es die letzten Wochen kalt, nass und windig. Dementsprechend gekleidet kann man mitten in der Wueste schonmal zum Transpirationsmonster mutieren. In passender Klamotte und diesmal ganz klassisch mit Daumen raus gings weiter. Nach ca. 45 min und wenig Verkehr haben zwei Englaender mitte 20 angehalten, die in der Gegend arbeiten, und mich 20 km noerdlich der Stadt auf dem Stuart Highway an einer Kreuzung mitten im Busch abzusetzen. Hier faehrt neben dem normalen Verkehr auch ab und zu mal eine der fuer Australien bekannten “Road Trains “ vorbei. Das sind riesen LKW’s mit mehreren Anhaengern, die Vieh oder andere Gueter quer durch das ganze Land heizen. Nach knapp einer Stunde ohne Erfolg bremste endlich ein weisser Pick Up gefahren von Vince. Vince ist mitte 40 und kommt aus dem noerdlichsten Zipfel Australiens. Und da der Stuart Highway in der Gegend die einizige Verbinung nach Norden ist, lag Tennant Creek  zufaellig auf dem Weg. Vince arbeitet in einem staatlichen Foerderungsprogramm fuer indiogene Maenner, indem versucht wird, so vielen wie moeglich einen Arbeitsplatz zu verschaffen und ihnen so eine Chance zur Integration zu geben. Wir hatten gute Gespraeche und zu meinem Glueck hatte er sogar genug Zeit an den “Devils Marbles” anzuhalten. Das ist eine Felsformation direkt am Highway, die vor ziemlich langer Zeit durch die Gezeiten enstanden ist. Die Aboriginies halten die roten Steine wegen ihrer oft runden Form fuer die Eier der Regenbogenschlange aus der Traumzeit. Nach einer halben Stunde und vielen Fotos gings weiter richtung Norden.


In Tennant Creek angekommen hat Vince mich beim Backpackers abgesetzt, dass das Krankenhaus mir vorher empohlen hatte. Anders als am Telefon war auf einmal doch kein Rabatt mehr drin. Der alte Sack von Besitzer hat sich eiskalt dumm gestellt und behauptet er wisse von nichts bevor er spaeter am abend nicht zu knapp dem Alkohol gefroehnt hat. Ich habe eine halbe Stunde gekaempft einen Anruf nach Melbourne zu kriegen, damit wenigstens meine Gastfamilie glaubt, dass ich lebe. Fuer 25$ habe ich dann meinen Raum ohne Vertstauungsmoeglichkeiten fuer mein Gepaeck, mit zu kurzem Bett aber Kakerlaken inklusive bezogen. Der hygienische Zustand der gesamten Einrichtung war abenteuerlich und ich konnte wegen Hitze und kaputtem Ventilator sowie einer spontanen Nasenblutattacke mitten in der Nacht kaum schlafen. Morgens war ich mir dann meiner Sache sehr sicher und habe das Etablissement mit Gepaeck wieder verlassen. Selten war es mir so egal was als naechstes passiert und ohne Bleibe war ich mir fast sicher das ich noch am selben Tag die Rueckreise antreten, oder weiter nach Norden trampen wuerde – Hauptsache raus aus dem Drecksloch. In dem Moment war ich doch recht froh mir nicht selber auf der Strasse begegnen zu muessen.


Bin dann erstmal zum Krankenhaus, um mich vorzustellen und das Problem zu schildern. Hier hat man mir gemaess der australischen Gelassenheit empfohlen, einen Tag der Gewoehnung im Krankenhaus zu verbringen und dann alles weitere zu entscheiden. Bezueglich Uebernachtungsmoeglichkeiten bekam ich die australische Standardantwort:“no worries mate“. Also hab ich mich erstmal rumfuehren lassen. Das Krankenhaus ist mit 20 Betten recht klein, hat aber als das Einzige in einer unglaublich grossen Region genug zu tun. Alles was die Reichweite eines Rettungsfahrzeugs uebersteigt wird geflogen. Im Moment arbeiten hier nur zwei Aerzte pro Schicht und einer in der Nacht. Meinen ersten Tag habe ich in der Notaufnahme verbracht und in der Zwischenzeit hatte sich auch eine Bleibe gefunden. Um 9 Uhr abends wurde ich von der Krankenhaus-Security ein paar Strassen weiter zu einer kleinen Wohnung gebracht, weil man in der Dunkelheit kaum alleine rausgehn kann – zu gefaehrlich, aber dazu spaeter mehr. Die Wohnung gehoerte drei anderen Praktikanten, deren Organisation die Miete zahlt. Ich habe von einem anderen Krankenpfleger einen Swag (eine Buschisomatte mit komplett verschliessbarer Aussenhuelle zum Schutz gegen Schlangen und Insekten) und Schlafsack bekommen und den Wohnzimmerboden bezogen. Die erste Nacht dort war um Welten besser als der Alptraum von Backpackers und ich bin halbwegs erholt zu meinem zweiten Einsatz in der Notaufnahme erschienen.


Schon morgens ist es hier recht heiss und einer der Patienten hat mir gerade gesagt, dass ich in 2 Wochen mit ueber 40 Grad rechnen kann. Deshalb war ich froh zu hoeren, dass es hier keinen Dresscode gibt; selbst die Aerzte tragen Shorts. Auch Arbeitszeiten sind Fehlanzeige. Die Gelassenheit der Leute hier ist eine der Sachen, die ich auf jeden Fall mitnehmen moechte. Ich durfte ab dem zweiten Tag Blut abnehmen und werde auch sonst gut mit in die Arbeit einbezogen. Eigentlich haette ich schon eine schwangere Patientin im krankenhauseigenen Flugzeug runter nach Alice begleiten duerfen aber dann haben wir erfahren, dass der Fluegel abgefallen ist und wir nicht starten koennen. Waehrend dem letzten Flug ist die Tuer abgefallen also ich freue mich schon auf meine Chance das Geraet mal in Action zu sehen. Ausserdem habe ich villeicht die Moeglichkeit ein paar Schichten beim Rettungsdienst mitzufahren, was sicher eine geniale Erfahrung waere. Insgesamt bieten sich hier doch  mehr Chancen als gedacht und die Erfahrungen sind komplett anders als alles, das ich in Deutschland je gesehen haette.


Die Arbeit mit den Aboriginies, die den Grossteil der Patienten ausmachen, ist eine dieser Erfahrungen. Die Aboriginies wurden in der Kolonialzeit ihrer Laender, Kinder und Wuerde enteignet. Noch bis in die spaeten 1960er Jahre war es erlaubt Aboriginies zu toeten, Eltern wurden ihrer Kinder beraubt und Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Von Wahlrecht und dergleichen brauch ich wohl nicht anfangen und das Ausmass der Perversionen, die an diesen Menschen veruebt wurden, ist ohnehin kaum in Worte zu fassen. Die Schwestern sagen, dass alte weisse Patienten aus der Gegend manchmal ihre „Lizenz zum Toeten“ praesentieren, die es damals wirklich gab. Auch heute noch ist Rassismus gegenueber Aboriginies nicht ungewoehnlich. Ich wusste ueber die Situation und die Geschichte dieses Volkes bisher wenig oder gar nichts und mit jedem Bisschen, das ich hoere oder nachlese wird mir schlechter und gleichzeitig bewusst warum hier alles so ist wie es ist. Als Durchschnitts-Tourist sieht man diese dunkele Seite Australiens nicht. Und  Und die gluecklichen Besserverdiener, die vor ihrem Wohnmobil sitzen und bei einem Glas Wein den Sonnenuntergang am Ulururu (Ayers Rock) geniessen wissen meist nicht, dass ihr Glueck auf der anderen Seite des Wahrzeichens Menschen ins Uebel stuerzt. Die staatlichen Ausgleichszahlungen, die die Aboriginies fuer das Land bekommen, das ehemals ihnen gehoerte, haben kaum einen guten Effekt. Im Fall vom Ayers Rock reden wir von einer Aboriginiegemeinde mit dem aus medizinischer Sicht groessten Drogenproblem im ganzen Northern Territory. Wie auch soll ein Volk, das gelernt hat im Einklang mit der Natur zu leben, mit Unmengen von Geld umgehen. Indiogene Einwohner Australiens werden als Widergutmachung in vielen Teilen des Lebens finanziell unterstuetzt. So ist zum Beispiel die medizinische Versorgung komplett kostenlos, Kredite sind sehr viel guenstiger und auch Bildung indiogener Kinder wird stark gefoerdert. Nur ist es schwierig die Probleme der Aboriginies mit „weissen“ Wertvorstellungen anzugehen. Man findet hier Haeuser mit Loechern im Wohnzimmerboden in denen Feuer gemacht wird und im Haus lebt nicht eine Familie wie wir es kennen sondern die ganze Sippe. Der Durchschnittshaushalt im Northern Territory wird von 14 Menschen bewohnt. In den anderen Staaten liegt die Zahl ca. bei 2.5. Die indiogene Bevoelkerung hat zudem eine extrem hohe Anfaelligkeit fuer Suchterkrankungen und deshalb ist es kein Wunder, dass hier jede zweite Leber ein Wrack ist. Der gewuenschte Effekt der Integration funktioniert so einfach nicht. Mehr Geld bedeutet hier mehr Alkohol, mehr Gewalt und fuer mich mehr Einzelschicksale, die ich hier jeden Tag ein- und ausgehen sehe. Tagsueber wird man an jeder Ecke angebettelt und nachts kann man kaum auf die Strassen weil es regelmaessig zu Gewaltausbruechen von Betrunkenen kommt. Die Opfer werden dann hier wieder zusammengeflickt. Fuer mich bleibt nur genau diesen Schicksalen so nah wie moeglich zu kommen und zumindest fuer kurze Zeit ein bisschen Aufmerksamkeit, Interesse und Wertschaetzung anzubieten. An der Gesamtsituation kann ich in meiner kurzen Zeit kaum was aendern. Aber so schwierig die Situation auch ist – es wird viel getan, ich habe schon jetzt viele Menschen kennengelernt, die sich der Sache verschrieben haben und geniale Arbeit leisten und ich glaube und hoffe das sich noch viel bewegt.


Die meisten Aerzte und Schwestern sind nur auf Zeit hier, heimische Mitarbeiter sind seltener. Deshalb haben wir (2 Aerzte und 2 andere Praktikanten) in den letzten Tagen nach der Arbeit ab und zu kleine Touren in der Umgebung gemacht und uns die Gegend angeguckt. Besonders abends wenn es nicht so heiss ist, ist es wunderschoen. Wenn man hoch genug steht sieht man nichts als Busch bis zum Horizont und die Sonnenuntergaenge und Sternenklare Naechte sind unglaublich. Egal wo ich bin, ueberall sehe ich Tiere und Pflanzen, die ich vorher noch nie gesehen habe. Vorm Krankenhaus habe ich die Tage einen Blue Tongue Lizard (Eidechse mit blauer Zunge) angetroffen und ich hoffe bald auch mal die ein oder andere Schlange zu sehen, die bei diesen Temperaturen langsam rauskommen. Das Northern Territory beheimatet einige der toedlichsten Schlangen Australiens aber ich weiss wo das Antiserum steht.
Gestern habe ich einen Anruf von der Organisation bekommen, die die Wohnung stellt, in der ich bis dato den Boden beehrt habe. Ich moege mit sofortiger Wirkung meine Sachen packen und koenne die Wohnung nicht mehr nutzen, weil es aus versicherungstechnischen Gruenden nicht moeglich sei, mich weiterhin zu beherbergen. Ich habe eine weitere Nacht ausgehandelt, um zumindest eine Chance zu haben, was Neues zu suchen. Hat mich ziemlich ueberrannt die ganze Sache und bevor ich ueberhaupt wusste was los ist, war ich zum zweiten Mal obdachlos. Derartige Buerokratie hab ich hier bisher selten angetroffen aber was soll man machen. Habe allen hier im Krankenhaus bescheid gesagt und gewohnte Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft angetroffen. Ab morgen bewohne ich also eines der vom Krankenhaus gestellten Zimmer fuer Mitarbeiter. Jetzt bin ich seit 9 Uhr morgens in der Notaufnahme und mache eine Nachtschicht (lokale Uhrzeit 3 Uhr nachts), weil ich erst morgen einziehen kann. Mal sehn wie das wird - ich bin im Moment durch wenig zu schocken und blicke halbwegs gelassen auf was auch immer vor mir liegt. Bisher hat sich im Endeffekt alles zum Guten gewendet und ich bin mehr als gewillt das so weiterzufuehren.


Wie immer freue ich mich ueber Feedback, Fragen oder einfach einen netten Gruss aus der Heimat.
Denn erst wenn man lange darauf verzichten muss, merkt man, was und wen man so alles um sich hat und das man oft ohne Wertschaetzung vorbeilaeuft.


Ich halte euch auf dem Laufenden...


Cheers

26.8.10 03:45

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